Currywurst ist super. Ich mag Currywurst. Und das sage ich, obwohl ich weiß, dass Currywurst aus pürierten Schweinen mit viel Fett, Nitritpökelsalz und Phosphat besteht. Es ist wichtig, das zu wissen, denn es befähigt mich, bewusste Entscheidungen zum Konsum von Currywurst zu treffen. Wenn mir zum Beispiel jemand erzählt, Schweine würden sich freiwillig zur Verwurstung melden, dann weiß ich, dass diese Person wenig Ahnung von Currywurst und Ethik hat.
Schwierig finde ich es auch, wenn man mir zu meinem veganen Falafel-Sandwich eine Currywurst serviert. Oder wenn mir jemand sagt, dass dank Currywurst in Zukunft jeder ein Restaurant eröffnen kann. Oder wenn man mir erzählt, ich wäre bescheuert, wenn ich koche, weil ich doch Currywurst essen kann, und ganz allgemein wird es sowieso bald keine Gastronomie mehr geben, und die zuvorgenannten Currywurstbuden können wieder geschlossen werden, weil Currywurst.
Der Strom kommt nicht aus der Steckdose, die Currywurst kommt nicht aus der Frittenbude und dein liebloses KI-Bild kommt nicht aus Midjourney. Unsere Welt ist komplex und wir Menschen kommen ohne Vereinfachungen nicht klar. Insofern ist es verständlich, dass wir nur einen oberflächlichen Blick für komplexe Sachverhalte übrig haben, solange wir uns nicht aus Interesse, Verantwortungsgefühl oder notgedrungen damit auseinandersetzen.
Was ist drin in der Currywurst? Massentierhaltung. Antibiotika. Schlachthöfe. Der eine oder andere Fall von Tierquälerei oder unsachgemäßer Tötung. Lohndumping. Ausbeuterische Arbeitsbedingungen. CO2-Ausstoß. Wasser- und Flächenbedarf für Tierfutter. Und Nitritpökelsalz.
Was ist drin in KI? Urheberrechtlich geschützte Texte, Bücher, Bilder und Musikstücke. Digitales Allgemeingut, das uns allen gehört, wie Wikipedia, GitHub und Blogs. Lohngedumpte Menschen, die den schlimmsten Dreck aus den Trainingsdaten rausfiltern. Kühlwasser für Rechenzentren. Energie für Rechenzentren. Flächenversiegelung durch Rechenzentren. Arbeitsspeicher, Prozessoren und Grafikkarten, die du jetzt nicht mehr bezahlen kannst. Menschen, die durch ein 40-Euro-Microsoft-Copilot-Monatsabo ersetzt wurden. Deine Angst, dass du als Nächstes dran bist. Faschismus-affine Tech-Milliardäre, die die Welt nach ihrem Willen umgestalten. Firmen, die wir bereitwillig für diese Wertextraktion bezahlen.
Wir haben uns innerhalb weniger Jahre in eine beachtliche kognitive Dissonanz manövriert. Als ich neulich jemandem auf Mastodon erklärt habe, wie seine KI-generierten Bilder zustande kommen, kippte die Diskussion ziemlich schnell: Selbstverständlich arbeite seine Generative KI vollkommen anders als jede andere - er bezahlt schließlich Geld dafür, also müssen die Trainingsdaten ja gekauft worden sein. Wie wir alle wissen, wird jede Transaktion durch Bezahlung moralisch und rechtlich einwandfrei. Hier redet sich jemand eine Currywurst ein, die aus glücklichen Schweinen besteht.
Neu ist für mich der Umfang, in dem Unternehmen dabei offen mitmachen. Der zunehmend verfolgte Ansatz scheint “KI in jeder dreckigen Ritze” zu sein, entweder weil sie Angst haben, einen Trend zu verschlafen, oder weil inzwischen ihre gesamte Existenz vom Erfolg abhängt. Die Wahrheit ist aber wohl eher, dass KI halten soll, was Digitalisierung versprochen hat. Der massive Einsatz von KI gilt als “Strategie”, ohne dabei zu hinterfragen, was die Chancen und Risiken sind. Während wir tagelang Datenbanktechnologie A gegen Datenbanktechnologie B abwägen, bleibt diese Diskussion bei KI völlig aus und wird einfach als gesetzt angesehen. Eine 100-prozentige Abhängigkeit von Tech-Milliardären scheint keins dieser Risiken zu sein. Die von Jahr zu Jahr besser werdende Ökobilanz (“Bitte denken Sie an die Umwelt, bevor Sie diese E-Mail ausdrucken!”) kommt übrigens ganz ohne den CO2-Fußabdruck von KI aus. Praktisch. In der Betriebskantine wird ab jetzt nur noch Currywurst ausgegeben. Der Kaffeeautomat hat eine Currywurst-Taste. Wenn man auf Kaffe drückt, kommt Currywurst raus.
Genug Menschen geben mir immer wieder zu verstehen, dass sie den Siegeszug von KI für unaufhaltsam halten. In so einem Umfeld stellt man sich als Skeptiker früher oder später die Frage, ob man selbst verrückt ist oder alle anderen. Regelmäßig mit ein paar dieser anderen zu reden ist das, was mich geistig gesund hält, denn im direkten Gespräch ist plötzlich niemand mehr vollumfänglich begeistert. “Nein, du bist nicht verrückt” war der wohltuendste Satz, den ich in den letzten Wochen gehört habe. Offenbar wollen doch nicht alle pausenlos Currywurst essen.
Ein Freund fasste die Situation so zusammen: “Sie trampeln sich gegenseitig platt, um den Gipfel von Mount Stupid zu erreichen.” Er spielte dabei auf den Dunning-Kruger-Effekt an. Wenn man keine Ahnung von einem Thema hat, hält man sich automatisch für einen Experten. (Vgl. Fußball, Ukraine, Infektionsschutz, Geopolitik, Buckelwale, usw.) Erst mit Verständnis der Hintergründe und der Problemdomäne setzt sich die Erkenntnis durch, dass man in Wirklichkeit von absolut gar nichts eine Ahnung hat. Erst diese Demut hilft, komplexe Probleme zu verstehen. Der erste Schritt zur Erkenntnis, dass deine Currywurst nicht aus der Frittenbude kommt.
Von dieser Demut scheinen viele noch weit entfernt zu sein. Die Befürworter von KI sind sehr erfolgreich, denn KI ermöglicht jetzt endlich eine Demokratisierung von Kunst und Wissen. Die streng gehüteten Geheimnisse von Fotografie, Design, Musik, Softwareentwicklung oder Literatur sind nicht länger einem elitären Kreis vorenthalten, sondern stehen jetzt allen zur Verfügung, ohne dass man sich mit den Themen auseinandersetzen muss.
Selbstverständlich ist ein Leben ohne moralischen Kompass viel einfacher. Schwierig wird es, wenn du kein Psychopath bist und du dummerweise über Empathie, soziale Verantwortung und ein Gewissen verfügst. Guck mal nach, was drin ist.
Nachtrag: Ich rede hier fast ausschließlich von KI, bin mir aber der Unterschiede durchaus bewusst. Wenn Menschen ohne entsprechendes Hintergrundwissen von KI reden, meinen sie ausnahmslos LLMs oder Generative AI und entwerten so sinnvolle KI-Anwendungen, die z. B. schon seit vielen Jahren in der Forschung Proteine falten.
Titelbild: Superbass, Curryking-4612, Viewport / Aspect ratio by oli, CC BY-SA 4.0
